• +++ Das THINK TANK STADE Team bedankt sich bei allen Beteiligten. Anfang September erscheint die dokumentierende Broschüre zum Projekt +++

THINK TANK AUSSER HAUS im Salon Umlandt, Kleine Schmiedestraße, 25.09.18, nachmittags

Als ich um 14.30 Uhr den Salon Umlandt in der Kleinen Schmiedestraße betrete, sind alle Plätze belegt. Ich spreche mit einem wartenden Kunden, dem Wirt Kai Möller. Er bewirtschaftet die Stadtschänke direkt am Parkplatz Am Sande. Seine Kneipe dürfte die bundesweit kleinste Kneipe mit den meisten Parkplätzen sein, über 500 davon in der Tiefgarage. Ein anderer Rekord, den die Stadtschänke hält, ist dem Wirt jedoch wichtiger: Er beherberge den ältesten Stammtisch Stades, wie er sagt. Dieser bestehe aus sieben Personen, die es zusammen auf 584 Lebensjahre brächten.

Er persönlich wünsche sich besonders eine Belebung der Innenstadt, vor allem zwischen Große Schmiedestraße und Am Sande. Die Ecke sei überhaupt nicht im Fokus wie etwa Fischmarkt und Pferdemarkt. Das sehe man schließlich auch am Geschäftsleerstand in diesem Bereich. Auf das letzte Altstadtfest angesprochen, wünscht er sich dort mehr Programmwechsel. Beispielsweise sei mal ein anderer DJ gut. Allerdings sei das Kinder- und Jugendprogramm nachmittags schon okay. Das beherrschende politische Thema in seinem Lokal sei aber der Bürgermeister*innen-Wahlkampf, berichtet er mir zum Abschluss.

Der nächste Kunde kommt aus Drochtersen, arbeitet in Stade und wünscht sich mehr Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Als Beispiel nennt er die Ausfälle von Bahn und S-Bahn infolge umgestürzter Bäume. Scherzhaft bemerkt er, dass die Bäume nicht nur bei Sturm sondern auch schon bei starkem Regen umfallen würden. Und dass er die Fertigstellung der A 26 frühestens für seine Rentenzeit zu erwarten habe, habe er bei der Planung vor 20 Jahren auch nicht gedacht. Als weiteres Zukunftsthema nennt er vor allem das geplante Kohlekraftwerk, dass seiner Meinung nach nicht gebaut werden darf.

Ein weiterer wartender Kunde nimmt das Thema auf. Er sagt, die Stadt Stade würde durch den Bau des Kohlekraftwerks ein schlechtes Image bekommen. Zudem sehe er diese Technologie auch nicht als zukunftsträchtige Investition, obwohl er selbst bei einer Tochterfirma der DOW, dem Anlagenbetreiber, arbeite. Ein Riesenthema sei für ihn weiterhin die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Die Genossenschaft Wohnstätte Stade eG schaffe dies nur noch anteilig. Er plädiere für weitere Genossenschaftsmodelle als Lösung der bestehenden Misere auf dem Wohnungsmarkt.

Das Traditionsgeschäft Salon Umlandt in der Kleinen Schmiedestraße, unmittelbar in der Innenstadt

Jetzt spreche ich den jungen Mann an, der interessiert den Friseurinnen im Laden über die Schulter schaut und dann und wann die Arbeitsplätze reinigt. Er erzählt mir, dass er hier im Salon ein sechswöchiges Berufspraktikum mache. Diese sei seine zweite Woche hier. Er sei vor zwei Jahren als 15-Jähriger mit einem Freund aus dem Norden Syriens geflohen. Derzeit wohne er in Bützfleth. Seine ganze Familie bestehe aus Friseur*innen, somit stehe sein Berufswunsch schon lange fest. Anders als in Syrien, wo es keine offizielle Ausbildung gebe, würde er gerne bei entfernten Verwandten in Hamburg eine machen. Der junge Mann spricht gutes Deutsch, reagiert jedoch ein wenig zögerlich auf meine Frage nach seiner Flucht. Wegen des Kriegsgeschehens sei es als Kurde unmöglich gewesen, direkt über die Nordgrenze der Türkei zu fliehen. So sei er über den Irak nach Deutschland gekommen. Er erzählt, er habe in Syrien viele Tote gesehen, auch Freunde. Er wünsche sich, in Deutschland bleiben zu können und seine Familie gesund und lebend wiederzusehen.

Die Salonbesitzerin Christina Galler berichtet, dass ihr kurdischer Praktikant am Samstag einmal zu spät zur Arbeit gekommen sei, weil vor acht kein Bus von Bützfleth aus nach Stade führe. Ansonsten sei sie hochzufrieden mit seiner Arbeit und seinem Engagement. Sie erzählt, dass durch die unmittelbare Nähe zum Stader Rathaus natürlich auch die Stadt-und Regionalpolitik Thema sei. Daneben sei die Frage „wo kann ich in Stade wirklich gut essen gehen“ ein Dauerbrenner. Ausbildung und Handwerksinnung sei natürlich auch in ihrem Betrieb immer Gesprächsthema, nicht zuletzt, weil sich Nachwuchssorgen hier wie in der gesamten Branche zeigten. Oft hätten die übrig gebliebenen Bewerber*innen „einfach keinen Mumm“, um dem Berufsbild zu entsprechen, erzählt sie. Von der Brancheninnung wünsche sie sich deutlich mehr Lobbyarbeit. Das Beste, was die in den letzten Jahren gemacht habe, sei die Beteiligung am THINK TANK Projekt des Museums gewesen. Der heiße Sommer sei dieses Jahr natürlich ebenfalls Thema gewesen. Einige Kunden hätten in dieser Zeit ihre Einkäufe im Kühlschrank des Salons zwischengekühlt. Ansonsten hätten die Kunden in letzter Zeit viel über das neue Geschäftshaus gesprochen, den meisten fehle dort ein höherwertiges Bekleidungssortiment.  

Ein langjähriger Kunde kommt nach seiner Behandlung zu mir und erzählt, dass er seit langem in Finkenwerder bei Airbus arbeite und in Schölisch wohne. Neben der Abschaffung der Straßenausbauverordnung halte er auch das Thema Mieten und Leerstand in der Innenstadt sowie Stadtausdehnung für wichtige Punkte einer zukunftsweisenden Regionalpolitik. Riensförde etwa sei für ihn lange Zeit nur ein „übriggebliebener Schrottplatz“ gewesen. Beim letzten seiner seltenen Besuche habe er plötzlich einen kompletten Stadtteil vorgefunden. Er erzählt noch von den ewigen Staus auf dem Weg zur Arbeitsstelle in Finkenwerder, vom Versagen des Autobahnausbaus, der doch schon vor 25 Jahren in Aussicht gestellt gewesen sei, und von einer schlechter gewordenen Unternehmenskultur bei Airbus seit Mercedes-Benz dort eingestiegen sei. Früher habe man doch jedes Flugzeugbauteil im Werk hergestellt, heute kämen die meisten Komponenten von Zuliefererfirmen. Damals habe man sich im Werk gekannt, respektiert und gegrüßt - das sei doch leider alles anders geworden. Als letztes wichtiges Thema sieht er die Sicherheit, die sich durch die vielen Migranten in der Stadt zumindest subjektiv verändert habe. Meine notierten Stichpunkte "Kugelschreiber, Nelken und Wurst" bekomme ich im Nachhinein leider nicht mehr zugeordnet.