• +++ Das THINK TANK STADE Team bedankt sich bei allen Beteiligten. Anfang September erscheint die dokumentierende Broschüre zum Projekt +++

THINK TANK AUSSER HAUS: BEGEGNUNGSORTE UND TREFFPUNKTE / Teil 2 / Ein kommentierter Foto-Rundgang

Vom Altländerviertel zu den Wallanlagen, in den Bürgerpark, am Bahnhof entlang, über den Holzhafen bis zum Museum Schwedenspeicher.

Montag, den 18.02.2019, 13.30 Uhr bis 17.00 Uhr

Altländer Viertel:

Ich beginne meinen Rundgang bei frühlingshaften 15 Grad im Altländer Viertel. Der allererste Eindruck: ein übervoller Müllplatz – also das, was man erwartet hatte. Aber nein, weit gefehlt, das Klischee bestätigt sich nicht, es bleibt beim Einzelfall.

Kleiner Spielplatz an der Jorker Straße

Keine 50 Meter weiter: ein kleiner Spielplatz an der Jorker Straße mit einigen wenigen Spielgeräten. Kinder sind da, sie spielen und toben unter Aufsicht ihrer Mütter. Von hier aus gehe ich in Richtung Montessori-Schule und komme an einem riesigen öffentlichen Spielplatz vorbei, der, so wird mir später berichtet, bei gutem Wetter von vielen Menschen unterschiedlichsten Alters ganz vielfältig genutzt werde: treffen, spielen, schnacken, grillen. 

Zentraler großer Spielplatz im Altländer Viertel  

An der Sporthalle vorbei geht es zur Montessori Schule und den beiden Altländer Viertel Kitas. Als ich den Spielplatz der Kita fotografieren will, weist mich der Hausmeister darauf hin, dass dies nicht gestattet sei. Wir kommen ins Gespräch, und wir reden über die Treffpunkte im Viertel. Das Gelände hinter der Schule ist abends eigentlich abgeschlossen. Dennoch treffen sich hier häufig Jugendliche, erzählt er mir. Der Zaun ist niedrig und der halblegale Treffpunkt bietet eine gute Möglichkeit, sich den Blicken der Anwohner zu entziehen. Konflikte entzünden sich dort immer rund um zurückgelassenen Müll, Flaschen und Scherben, Zigarettenkippen etc.  

Auf dem Gelände der Montesorri Schule steht den Schüler*innen diese kleine Außenbühne zur Verfügung

Der Hausmeister ist seit drei Jahren hier im Viertel. Er hat das Gefühl, dass sich Vieles hier verbessert habe. Es sei auch ruhiger geworden. Seine Frau ist Lehrerin an der Montessori Schule. Trotz allem bleibe abends beim Rundgang und dem Abschließen von Turnhalle und Schule ein mulmiges Gefühl, berichtet er mir. Es sei eben ein spezielles Klientel, das hier ihre Kinder zur Schule und in die Kita bringt. Auch seine Kinder haben zeitweilig die Schule im Viertel besucht, da hätte die Mitarbeit der Eltern aber auch noch besser funktioniert als heute. Inzwischen würde sich eine sehr konsumorientierte Haltung breit machen, wie es überall in der Gesellschaft zu beobachten sei. Er weiß auch von den Angeboten und organisierten Treffpunkten wie dem Jugendhaus und dem ALVI, dem Haus der Begegnung in der ehemaligen Sparkassenfiliale. Dort gebe es offene Angebote und welche für Gruppen. Viktor Henze, der Streetworker und Quartiersmanager, hält dort seine Sprechstunden ab.

Das ALVI ist ein neuer zentraler Ort für Begegnungen und Aktivitäten im Viertel

Die Wohnungen im Altländer Viertel sind überwiegend klein, private Gärten gibt es hier kaum. Die verdichtete Bauweise bietet um die Blockbebauung herum viele angelegte, ebenso wie scheinbar zufällige Freiflächen, die an diesem ungewöhnlich sonnigen und warmen Tag viele Bewohner*innen anlocken. Auffällig ist, dass nicht ausschließlich Autos und Parkplätze den öffentlichen Raum prägen, wie so oft im Stadtbild, sondern sich recht unauffällig in die Gesamtflächen integrieren. Das kann auch daran liegen, dass nicht so viele Menschen hier ein Auto besitzen.

Der neu angelegte Basketballplatz und der Bolzplatz, im Hintergrund vor der Bebauung

Vom neuen Basketballplatz am Jugendhaus hatte ich schon gehört. Es ist eine sehr gepflegte Anlage mit einigen Bänken. Der Bolzplatz in diesem Bereich des Viertels ist heute jedoch stärker frequentiert, der Fußball dominiert eben auch im Altländer Viertel das Geschehen. Ein Kleinod ist der Teich Hollerner Moorwettern und sein Wasserlauf. Hundebesitzer gehen hier spazieren, und auf den Bänken rund um den Teich haben sich an diesem Tag rege genutzte Treffpunkte von Jugendlichen entwickelt.

Jugendzentrum im Altländer Viertel und Teichanlage

EXKURS: Niedersächsisches Landesarchiv / Staatsarchiv

Eine Idee des Planungsamtes der Stadt hat sich durchgesetzt: Die neue Steinkirchener Straße wird von vielen Bewohner*innen des Altländer Viertels genutzt, um am Niedersächsischen Landesarchiv vorbei zum Bahnhof oder in die Stadt zu gelangen. Hier ist an diesem Tag reger Fußgängerverkehr – für mich ein Grund, im Landesarchiv nachzufragen, wie sich die Nachbarschaft im Viertel entwickelt hat. Ich erfahre hier von der Archivdirektorin, dass sich die anfängliche Befürchtung etwa von Vandalismus nicht bewahrheitet hat. Vor vier, fünf Jahren direkt nach der Errichtung des Archivs gab es anfänglich Probleme mit Glasschäden durch Steinwürfe. Da war die Straße auch noch nicht asphaltiert. Einmal gab es auf zwei aufeinander folgenden Tagen nicht unerhebliche Schäden an der Fassade und den Fenstern. Doch diese Zeiten seien lange vorbei, erzählt mir die Direktorin, momentan gebe es keine Probleme dieser Art. Es habe anfänglich auch pöbelnde Jugendliche gegeben, die ihr „Mütchen“ im Foyer des Archivs kühlen wollten, aber auch diese Probleme seien komplett verschwunden. Ich erfahre bei meinem ersten Besuch im Archiv Einiges über dessen Mitarbeiter*innen, Arbeitsabläufe und Strukturen.

Das Gebäude soll sich laut Planung mit Jugendamt, Finanzamt und einer weiteren Kita zu einem städtebaulichen Brückenschlag zwischen Altländer Viertel und Innenstadt weiterentwickeln. Das Archiv selbst sei stolz darauf, sich auch Menschen zu öffnen, die nicht beruflich oder aus privatem Interesse das Archiv nutzen. So findet beispielsweise seit drei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Lionsclub und einer Sozialeinrichtung eine Schulranzen-Aktion im Foyer des Archivs statt.

Bei der Eröffnung des Archivs hätten nahezu 1000 Besucher*innen die Gelegenheit wahrgenommen, Einblicke in das Gebäude zu bekommen. Auch zum jährlichen Tag des offenen Denkmals öffne man sich einem breiten Publikum. Mit einem Rundgang durch die Kunstsammlung (klassische Moderne bis 80er Jahre) und einem Blick auf den besonders gestalteten Garten im Innenhof verabschiede ich mich aus dem Archiv.

Der Garten im Innenhof des Archivs steht Mitarbeiter*innen und Besucher*innen zur Verfügung

Wallanlagen und Bürgerpark:

Die im Zuge der Internationale Bauausstellung und IGA neu gestalteten Anleger an den Wallanlagen bieten malerische Plätze, die inzwischen auch vermehrt als Begegnungsorte genutzt werden.

Der Bürgerpark selbst weist zu dieser Stunde exakt vier Besucher*innen und zwei 2 Hunde auf. Auf die Frage, ob sich die Gruppe hier regelmäßig treffe, kommt die klare Antwort: „eigentlich nicht“. So ab und an sei man hier und ob das jetzt Bürgerpark heiße oder nicht, sei Ihnen auch relativ schnurz. Verändert habe sich in letzten Jahren nicht besonders viel. Aufgefallen ist den Passant*innen der neue Pavillon, von dem sie aber nicht wussten, das man ihn mieten könne.

Die Steganlage am Wallring und der Bürgerpark

Inzwischen haben sich im Schutz des Pavillons zwei junge Schülerinnen niedergelassen, die aber auf Nachfrage verneinen, dass dies einer ihrer regelmäßigen Treffpunkte in Stade wäre. Mehr so aus Zufall seien sie hier gelandet, erzählen sie mir. Der wichtigste Treffpunkt in Stade mit „Chillfaktor“ für junge Leute und besonders für Schüler*innen sei das Gelände rund um das Stadeum. Da sei es immer total belebt – auch weil es so unkompliziert sei, sich dort vor und nach dem Schulbesuch zu treffen.

Die Beiden hadern ansonsten mit Stade. Eigentlich haben sie das Gefühl, das alle jungen Menschen doch nur darauf warten, um nach dem Schulabschluss „von hier abzuhauen“. Irgendwie sei das für Junge hier „nicht so cool“, allerdings wissen sie auch nicht genau, was die Stadt denn cooler machen könnte. Skaten und sowas sei es definitiv nicht mehr, da müsse man sich doch nicht wundern, dass nebenan im Skatepark nicht mehr viel los sei.

Auch haben sie kein Verständnis dafür, dass es keine vernünftige Diskothek und Tanzmöglichkeit in Stade gebe. Das habe ich am THINK TANK auch schon oft gehört.

Ihr Fazit klingt dann wie ein Aufruf: Stade müsse überhaupt mal „so eine richtige Welle machen“, wenn es attraktiver für junge Menschen werden will. Öffentliche Treffpunkte würden sie ansonsten selten nutzen. „Gechillt“ werde vornehmlich zu Hause im Garten.

Der neue Pavillon im Bürgerpark und ein Jongleur der den Bürgerpark zu dieser Zeit für sich allein hat

Das bestätigt im Übrigen der Jongleur, den ich später im Park treffe. Er wohnt ohne Garten in der Innenstadt und kommt deshalb hier auf die Fläche, die für ihn eben auch kein richtiger Park sei. Verglichen mit dem Treiben im Hamburger Stadtpark sei das hier doch sehr trist. Überhaupt könne sich Stade im Vergleich zu gleich großen Städten nicht wirklich mit Außenanlagen schmücken, sagt er. Er liefert die Erklärung gleich mit: Da man hier in der Kleinstadt mit dem ländlichen Raum drumherum wohl überwiegend in Häusern mit Garten lebe, gäbe es weniger Bedarf an öffentlichen Parks. Die geringe Nutzung des Bürgerparks erklärt er sich mit der Nähe des Bahnhofs und dem speziellen Bahnhofsflair.

Der Skatepark und das Ambiente unter der Hansebrücke

Das Bahnhofsumfeld:

Die Bahnhofsnähe präge tatsächlich das Umfeld, den Skatepark, die Anlage unter der Hansebrücke und eben auch den Bürgerpark, bestätigt mir auch der Streetworker des Altländer Viertels Viktor Henze. Er schließt gerade den Pavillon im Bürgerpark auf, um sich hier mit einem Kollegen zu treffen. Montags, mittwochs und freitags sind sie jeweils für zwei Stunden hier, um im wörtlichen Sinne „Streetwork“ zu machen. Sie halten sich viel in der Bahnhofsnähe auf, kennen die Szene und bieten Hilfe und Beratung an. „Wir sind nicht die Polizei“, betont Viktor Henze, „unser Angebot ist anonym und freiwillig“. Niedrigschwellig ist das Angebot allemal, fällt mir auf. Herr Henze ist auch im Stadtteil Haddorf tätig. Den kennt er aus seiner langjährigen Berufserfahrung besonders gut, und er nennt mir einige informelle Treffpunkte von Jugendlichen dort. Na ja, der Bürgerpark sei ja wohl auch noch nicht am Ende mit der Gestaltung, da fehle es im Moment noch an den finanziellen Mitteln, die geplante Gestaltungsvorhaben umzusetzen, vermutet er.

Am Skatepark unterhalte ich mich mit einem jugendlichen Skater. Er hat das Gefühl, die große Zeit des Skatens hier in Stade sei vorbei. Oft wäre er alleine im Park. Am Wochenende kämen noch manchmal die vorherige Generation der Skater. Die hätten den Skate-Park damals mit umgestaltet und modernisiert, wie er erzählt, aber so eine lebendige Szene gäbe es aktuell weniger.

Der SUP Club am alten Holzhafen

Ein relativ neuer Spot ist der Standup Paddling (SUP) CLUB Stade zwischen Burggraben und Salztorswall. Hier war ich im letzten Jahr schon einige Male und war sehr begeistert von der lockeren, nahezu großstädtischen Atmosphäre. Ich habe mir erzählen lassen, dass sich der CLUB nicht nur etabliert hat, sondern beständig und generationsübergreifend viele neue Fans gewinnt. Die ist sicherlich ein gutes Beispiel, wie man in Stade ein Freizeitambiente schaffen kann, das die vorhandene Infrastruktur sinnvoll nutzt.

Die Aussichtsplattform am Stadthafen mit Ausnahmebesuchern und gegenüber der umgebaute Gasometer

Das Museumsumfeld:

Auf dem Rückweg zum Museum gehe ich noch zur Aussichtsplattform am Stadthafen mit Blick auf Gasometer und Hafencity. Ein Pärchen sitzt in der Nachmittagssonne auf einer der Bänke. Die beiden arbeiten hier in Stade und es sei eher Zufall, sie hier nach Feierabend anzutreffen, erzählen sie mir. Eigentlich ginge es nach der Arbeit immer direkt nach Hause in den eigenen Garten.

Ich bin hier früher häufig gewesen, zuletzt vor ein paar Jahren im Rahmen eines Kunstprojektes im öffentlichen Raum. Damals hatte eine Künstlerin ein Objekt mitten auf der Plattform installiert. Zu der Zeit trafen sich hier überwiegend Menschen zum Trinken. Das Kunstprojekt empfanden sie damals als etwas übergriffig auf ihrem „Terrain“.

Hans-Jürgen Berg vom Baumhausmuseum hatte zu der Zeit wiederum eine Nachbarschaftspatenschaft für das Kunstobjekt übernommen. Die sorgte tagtäglich dafür, dass das Beet gepflegt und gegossen wurde, das am Ende die baulichen Strukturen der Stadt aufzeigen sollte.   

Der angeeignete Platz am historischen Hafen, zwischen Baumhaus und Museum

Der überraschendste Ort lag für mich direkt am Museum. Drei Touristinnen hatten sich direkt am alten Hafen zwischen Baumhaus und Museum niedergelassen – ein malerisches Bild. Mit einem Schuss zivilem Ungehorsam – dem Überwinden des Zauns – hatten sich die Drei den besten Ort am Hafenbecken angeeignet. Bitte nicht nachmachen!